Robert Kerber: Das Sterben der Engel
Beitrag in der November 2004 erschienenen Science Fiction-Anthologie "Der Atem Gottes"

Die unwirklich violett leuchtende Landschaft hinter der gesprungenen Windschutzscheibe klarte auf. Die Schatten wichen von dem graubraun marmorierten Himmel, der wie eine feuchte Grabplatte auf ihr gelastet hatte, und enthüllten eine sandige, mit Wasserpfützen und rissigen Betoninseln übersäte Ebene. Yvonne brauchte einige Sekunden um zu begreifen, dass sie kopfüber in ihrem Sitz hing. Der Wagen hatte sich nach der nächtlichen Kollision überschlagen und, die Unterseite der aufgehenden Sonne zugedreht, seine Reserven aufgezehrt. Ihr Beifahrer war bis zur Hüfte in einem matten Gebilde aus Metall und Plastik eingesunken, den unnatürlich angewinkelten Kopf an die Kabinendecke gepresst, als horche er auf die anrollende Flut oder ein Rettungsfahrzeug, das zu spät kommen würde. Wie in einem letzten Akt der Rücksichtnahme hatte er sein Gesicht von ihr abgewandt.
   Ihre Finger glitten über die Schnittwunden auf ihren Armen, tasteten sich hinab zum Kopf, brachen schwarze Kristalle von der Stirn. Immerhin keine tieferen Verletzungen, dachte sie, höchstens ein paar Schrammen. Sie unterdrückte den stechenden Schmerz in ihrer Brust und konzentrierte sich auf ihre Beine, die im Fußraum zitternd zum Leben erwachten. Behutsam drückte sie die Knie durch, bis ihre Füße gegen den Boden stießen.
   Sie schrie auf.
   Flach atmend wartete sie, bis das Pochen in Schienbeinen und Füßen nachließ. Ihre Beine hatten also mehr abbekommen, was angesichts des zerbeulten Kühlers nicht verwunderte. Sie schob die Finger unter den Gurtriemen und prüfte das Gurtschloss. Wenn es nicht klemmte, könnte sie sich zumindest aus dem Wagen befreien, in dem sie momentan wie eine Fledermaus hing. Beinahe hätte sie bei dieser Vorstellung gelacht.
   Sie umschloss die Knie mit den Händen, zog erst das eine, dann das andere Bein an den Körper heran und stützte sich mit dem rechten Unterarm an der Decke ab. Ihre linke Hand wanderte zum Gurtöffner. Sie biss die Zähne aufeinander, zählte bis drei und drückte das Schloss auf.

(...)


 

"Der Atem Gottes" enthält Kurzgeschichten von Karl Michael Armer, Myra Çakan, Ralph Doege, Rainer Erler, Andreas Eschbach, Herbert W. Franke, Jan Gardemann, Andreas Gruber, Marcus Hammerschmitt, Uwe Hermann, Jörg Isenberg, Robert Kerber, Thorsten Küper, Michael Marrak, Helmuth W. Mommers, Malte S. Sembten, Erik Simon. Herausgegeben von Helmuth W. Mommers.