Robert Kerber: Empfänger
Beitrag in der Februar 2004 erschienenen Science Fiction-Anthologie "Deus ex machina"

(...)

   Tim rannte den gesamten Rest des Weges. Am Ziel angekommen, stützte er die Hände auf die Knie, einen Geschmack von Eisen im Mund wie von einer bitteren Frucht, und blinzelte durch das grelle Frühnachmittagslicht zum Wagen hinüber. Es saß niemand darin, und die Motorhaube war geschlossen. Wäre Frank vor ihm hier eingetroffen, hätte er sicher auf ihn gewartet. Sein Bruder war etwas ungeduldig und brauste schnell auf, aber er würde nicht wegen ein paar Minuten Verspätung sofort umkehren. Und mit seinem Wettlauf gegen die Spinne hatte Tim einiges von der verlorenen Zeit aufgeholt.
   Er schob die Gräser mit den Händen beiseite und umkreiste das Wrack. Es schien unverändert seit ihrem letzten Besuch; die Fahrertür war angelehnt, damit sie sich nicht wieder in dem verzogenen Rahmen verklemmte, und die von den Sitzen gekehrten Glasstücke lagen verstreut im Fußraum. Der Geruch von in der Sonne erhitztem Rost und Kunststoff strömte zu den Fenstern hinaus.
   Tim öffnete die Tür und kletterte hinter das Steuer. Käfer schwirrten umher auf der Suche nach Nahrung und nach Materialien, die sie für den Nestbau verwenden konnten. Seine Fingerspitzen fuhren über den Lenkradrahmen und lösten kleine Stücke von dem verwitterten Lederbezug, die wie ein schorfiger Regen herabrieselten. Mit der linken Hand umklammerte er das Lenkrad, die rechte schaltete in den Leerlauf, langte nach dem Zündschloss und machte eine kurze Drehbewegung.
   "Vrrroooomm!"
   Der Wagen vibrierte, Abgase krochen durch den löchrigen Boden. Tim ignorierte den öligen Gestank, den der Fahrtwind in wenigen Sekunden verscheucht haben würde, und sah ins Freie. Der Kühler wies hangaufwärts, er würde mächtig Gas geben müssen, um den Hügel hinaufzukommen. Er rutschte bis an die Kante des Sitzes vor und streckte die Beine aus. Sein Fuß tastete sich an der Bremse vorbei zur Kupplung und trat sie durch, so weit er konnte, dann ließ er die Gangschaltung in die nächste Position einrasten und tippte das Gaspedal an.
   Der Motor heulte auf, gefolgt von einem weiteren Geräusch, als schleiften umgeknickte Brombeersträucher am Boden entlang. Tim steckte den Kopf durchs Seitenfenster. Der Wagen bewegte sich keinen Zentimeter, also hatte sich etwas anderes dort unten zu schaffen gemacht. Er erinnerte sich, dass in manchen Motoren Tiere hausten, die sich von Gummiteilen ernährten, doch Fressgewohnheiten konnten sich ändern. Er stellte die Füße zurück auf den Sitz und verschob seine Fantasiefahrt bis auf weiteres. Gedankenverloren betrachtete er eine Wespe, die über die verloschenen Anzeigen spazierte, die Lüftungsschlitze entlangbalancierte und hinunter zum Aschenbecher und zum Radio krabbelte.
   Das Radio. Frank hatte gesagt, der Wagen würde nicht mehr anspringen, aber das Radio könnte man mit etwas Glück noch in Gang bringen. Vielleicht war er doch hier gewesen, hatte die Batterie eingebaut und war, weil sein Bruder nicht auftauchte, zurück in die Stadt gefahren. Tim streckte sich nach dem speckig glänzenden Einschaltknopf und drückte ihn bis zum Anschlag hinein.
   Es funktionierte! Die Anzeige blieb dunkel, aber er hörte deutlich ein Rauschen, das den Innenraum wie aufgewirbelte Staubflusen ausfüllte. Das Echo vom Urknall, wie Frank ihm mal erklärt hatte, so wie der Schnee, den man auf dem Fernseher sah.
   Tim drehte das Rad des Sendersuchers bis zum linken Anschlag und wieder nach rechts, auf feinste Änderungen im Signal horchend. Die Töne pendelten auf und ab, verringerten die Intervalle, bis sie zusammenhängende Klangfäden bildeten, die sich zu feinen Mustern von wechselnder Farbigkeit verwoben, bunte Zickzacklinien beschrieben und in sanft schaukelnden Wellen ausrollten.

   "Nass!"
   Tim fuhr zusammen. Er hatte erwartet, eine menschliche Stimme auf einem der Kanäle zu finden, aber keine, die so nah klang. Sein ausgestreckter Arm hing schwerelos im Raum.
   "Wasser! - Niiiicht!"
   Die Stimme gehörte einem Mädchen. Zwischen den einzelnen Worten herrschten lange Pausen, entweder war der Sender sehr schwach oder er wurde von einer anderen Quelle abgelenkt. Seine Finger ruhten auf dem Suchknopf, wagten aber nicht, ihn vor- oder zurückzudrehen.
   "Nicht tunken! Ich sag's Frau Buchwald!"
   Frau Buchwald?
   "Das zahl ich dir heim! Hörst du, Maren?"
   Maren! Er hörte die Mädchen, die im Wasserbecken im Garten spielten. Irgendetwas leitete die Signale vom Haus der Buchwalds zum Wagen weiter. Obwohl die Autoantenne fehlte, fing das Radio ihre Worte auf und wandelte sie um, sodass er sie hier belauschen konnte. Er stellte auf volle Lautstärke.
   "Lisa ist eine Heulsuse, Lisa ist -
   Eine zweite Stimme, heller, weicher als die vorige.
   - eine Heulsuse!"
   "Du bist gemein, Maren!"
   Eine wohltuende, feuchte Kühle umschloss seine Beine und verteilte sich in seinem Körper.

(...)

© 2003 Robert Kerber

 

"Deus ex machina" enthält 24 Kurzgeschichten von: Frank W. Haubold ("Die Abaddon-Mission"), Armin Rößler ("Faust"), Bernhard Brunner ("Die verbesserte Universalfernbedienung"), Dieter Schmitt ("Der Erbtöter"), Robert Kerber u.v.a. Herausgegeben von Armin Rößler und Dieter Schmitt.