Robert Kerber: Fremde Lebensform hinter Glas
Beitrag in der November 2004 erschienenen Science Fiction-Anthologie "Nova" 6

(...)

Der Mann und die Frau stellten ihre Taschen ab und nahmen die Zwei-Zimmer-Wohnung in Augenschein. Sie hatten eine Wohnung zur Straße hin gewählt, weil der aus dem Innenhof aufsteigende Geruch unerträglich gewesen war. Er legte seine Jacke auf einen wackligen Holztisch und untersuchte die an der Wand lehnenden Matratzen.
   "Die zur Wand hin ist verschimmelt, aber die davor tut es für eine Nacht."
   Sie trugen die Matratze in die Mitte des Zimmers und breiteten Decken und Schlafsäcke auf ihr aus. Der Mann entledigte sich seiner Schuhe und legte sich mitsamt Kleidung auf die Bettstatt. Die Frau lief die Fensterfront ab. Wo sie stehenblieb, schien eine Welle von Eiseskälte aus dem Boden aufzusteigen, trotz der Hitze, die im Raum stand.
   "Leg dich hin", sagte er.
   Sie reagierte nicht.
   "Morgen um diese Zeit sind wir weit weg. Wir füllen den Wagen und den Reservekanister auf, und dann fahren wir."
   Sie verschränkte die Arme. Für einen Moment kam ihr der Gedanke, dass die Siedlung ein Sammelbecken von menschlichen Lücken darstellen könnte, die sie auf Schritt und Tritt beobachteten und sich an ihrer Blindheit ergötzten.
   "Ich bin dagegen, über Nacht hierzubleiben. Egal, was du sagst oder Carl."
   "Jetzt ruhen wir erstmal aus, und später essen wir mit Carl zu Abend. Ich für meinen Teil bin froh, ein Bett und eine warme Mahlzeit in Aussicht gestellt zu bekommen."
   "Es sind noch Stunden, bis wir essen."
   "Es sind nochmal zwölf Stunden, bis der Kerl mit dem Tankwagen kommt. Willst du die ganze Zeit am Fenster stehen?"
   "Ich will sehen, was dort draußen passiert."
   "Wenn etwas passiert, dann nur in deiner Einbildung."
   "Und die Leute von der AP, die hinter uns her sind? Sind die auch eingebildet? Sieh dich an mit deinem halben Ohr."
   Er vergrub sein Gesicht in der Armbeuge. "Die haben keine Ahnung, wo wir sind. Ich wünschte, die AP würde in einer deiner Lücken verschwinden. Dann würdest du endlich zur Ruhe kommen."
   Sein Ärmel verrutschte und entblößte einen tätowierten Schriftzug. Tod ist Transformation. Die Frau wandte sich ab.
   Er ist nicht Umwandlung, er ist das Ende. Von uns wird nichts bleiben. Wir sind nicht mehr als Wirtskörper für Ideen und genetische Codes.

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© 2004 Robert Kerber

 

"Nova" 6 enthält neue Kurzgeschichten von Marc-Ivo Schubert, Holger Eckhardt, Michael K. Iwoleit, Jan Gardemann, Ernst Vlcek, Robert Kerber, Thomas Wawerka und Guy Hasson sowie Artikel von Guy Hasson und Marcus Gebelein.