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Robert Kerber: Tiefgeschoss, 08:59
Beitrag in
der 2003 erschienenen Science Fiction-Anthologie "Nova" 3
Mo 08:02
Der Gang machte einen Knick und führte
über eine kurze Treppe in das erste Untergeschoss des
Gebäudes. Wie aus Respekt vor den angegriffenen Augen des
Neuankömmlings drängten sich die Flurlampen in den Ritzen
zwischen Decke und Wänden zusammen und rollten einen Teppich aus
Halbschatten vor dem Besucher aus. Türen und Abzweigungen zu
weiteren Sektionen klafften in den geweißten Wänden, durch
die sich aufsteigende Bodenfeuchtigkeit ihren Weg bahnte. An jeder
Abzweigung hing eine Uhr in Kopfhöhe, als würden statt in
alphabetischer oder numerischer Folge die Trakte nach dem Zeitpunkt
benannt, zu dem man sie betrat.
Der Mann und seine dreiköpfige Eskorte blieben
stehen. Die Frau, die die Gruppe anführte, zog eine Karte durch
einen Leseschlitz und winkte ihn in ihr Büro. Hinter ihnen schloss
sich lautlos die Tür, ein präzise arbeitendes
Rückflussventil, das keinen Richtungswechsel zuließ. Die
Beamten bezogen schweigend ihre Posten im Flur.
"Ist das Licht gut so?"
Der Mann, an den die Frage gerichtet war, sah auf. Er
hatte auf einer Couch Platz genommen und zog mit kalkulierten
Bewegungen die Hosenbeine seines Anzugs glatt. Der Anzug war von
undefinierbarer Farbe und Struktur, ein grobporiger, trockener Schwamm,
der auf einen günstigen Moment wartete, um seine Umgebung
aufsaugen zu können. Die Züge des Mannes wirkten
gleichermaßen konturlos, eine Kombination aus
komplementären, einander neutralisierenden Partien. Der
eigentliche Blickfang war die Sonnenbrille. Gläser und Fassung,
aus einem matten Material in einem Guß geformt, reflektierten
keine Lichtquelle.
"Ist das Licht gut so?"
Die Frau, die die Frage stellte, saß jetzt ihm
gegenüber hinter einem Schreibtisch. Die Schreibtischlampe
strahlte in ihre Richtung, der Schirm war, um sie nicht zu blenden, bis
auf eine Handbreit über der Tischplatte herabgesenkt worden.
Ringsum angebrachte Dämmplatten verschluckten ihre strenge,
Unbehagen überspielende Stimme.
Das Licht sei ausgezeichnet, bekräftigte er.
"Reagieren Sie nur auf Tageslicht allergisch? Oder
auf zu große Helligkeit?"
"Es hängt von der Farbtemperatur ab. Je
niedriger sie ist, desto besser."
"Heißt das, dass Sie alles eine Spur blauer
sehen als gewöhnliche Menschen?"
"Ich nehme Farbe anders wahr als Sie. Mit steigender
Kelvinzahl wirkt das Licht schmerzhafter. Als würde man zu nahe an
eine Wärmequelle herantreten."
Die Frau nickte, nicht aus Verständnis für
seine Erläuterungen, sondern um das Thema abzuschließen. Sie
drückte eine Taste auf dem vor ihr liegenden Diktiergerät und
sprach laut Datum, Uhrzeit und die Namen der Anwesenden auf.
"Sie sind nervös, unterbrach er ihre Ansage.
"Ist es wegen Ihres Kollegen?"
Sie stoppte das Band. "Wie kommen Sie darauf?"
"Sie haben ihn gestern Morgen davon abgehalten, mich zu töten. Die
Differenzen zwischen Ihren Abteilungen drohen zu eskalieren, nicht
wahr?"
Die Frau richtete sich auf, nach einem Moment der
Fassungslosigkeit hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Mit
unmissverständlichen Worten stellte sie klar, dass sie die
Befragung durchführte, nicht er. Der Mann schwieg. In den wenigen
Monaten seines Aufenthalts hatte er gelernt, dass diejenigen, die einen
mit Fragen bedrängten, in den wenigsten Fällen eine Antwort
erwarteten. Sie suchten die Bestätigung im voraus getroffener
Feststellungen.
Sie begann die Aufzeichnung von neuem.
"Ich möchte an der Stelle beginnen, nachdem Sie
aus der Klinik geflohen sind. Die Nacht von Freitag auf Samstag."
Sa 02:16
Er beugte sich vor und reichte dem
Taxifahrer den Zettel, den ihm seine Fluchthelfer zugesteckt hatten.
Ein Mann und eine Frau in schlecht sitzenden Kitteln waren in sein
Zimmer eingedrungen, hatten ihn durch einen Notausgang hinausgeschleust
und in ein wartendes Taxi gesetzt. Der Fahrer arbeite für sie,
hatten sie ihn informiert, er habe Anweisung, ihn an jeden Ort zu
bringen, den er ihm nannte.
Der Fahrer las die handgeschriebene Notiz,
zerknüllte den Zettel und stopfte ihn in den überfüllten
Aschenbecher. Der Geruch von kalter Asche legte sich wie ein
Ölfilm auf Mund und Nase.
"Was haben die mit Ihnen gemacht?"
"Sie haben mir Fragen gestellt. Alles Dinge, die mir
nichts sagten. Das, was ich erzählen konnte, wollten sie nicht
hören."
"Wissen Sie, wer Sie abholt?"
"Nein."
Der Fahrer erkannte die Fruchtlosigkeit seiner
Neugier und ließ sich über die Nöte seines Berufsstands
aus, die ihn zwangen, seine Einnahmen mit ominösen
Kurieraufträgen aufzubessern. Der Mann blickte sich im
Wageninneren um, die angestimmte Elegie ermüdete ihn.
Wahrscheinlich waren es weniger finanzielle Gründe, die den Fahrer
reizten, sondern die Vorstellung, ein wenig den Untergrundaktivisten
mimen zu können. Die Ziele seiner Auftraggeber interessierten ihn
nur marginal.
Der Taxifahrer setzte ihn an einer unbelebten, von
Fabrikgelände flankierten Straße ab. Eine junge Frau Ende
Zwanzig sprach ihn an und stellte sich als Ingrid, seine Kontaktperson,
vor. Auf dem Weg zu ihrem nahe gelegenen Appartement hielt er den Kopf
gesenkt, um der Straßenbeleuchtung auszuweichen. Jede unbedachte
Bewegung rückte eine andere Laterne ins Blickfeld, deren
Lichtwellen sich wie Nadeln millimeterweise durch seine Lider und
Netzhaut bohrten. Die tagelange Überreizung, der man ihn
ausgesetzt hatte, würde noch geraume Zeit nachwirken.
Ingrid öffnete die Tür zu ihrer kleinen
Einzimmerwohnung. Holzregale nahmen die Wände ein, mehrere
Stühle, ein Stoffsessel und ein Tisch verteilten sich ungeordnet
im Zimmer. Eine mit bunten Decken bezogene Schlafcouch versperrte die
Balkontür. Der frühere Balkon war abgerissen und durch ein
mit der Fassade abschließendem Geländer ersetzt worden,
hinter dem sich die Rückseiten von Häuserblocks erhoben.
Ingrid schloss die Tür und schaltete das Licht
ein. Die Decke explodierte. Er schlug die Hände vors Gesicht.
"Tschuldigung!"
Sie löschte das Licht und drehte den Dimmer
einer Stehlampe leicht auf.
"Ich hätte dran denken sollen. Die
Leuchtstoffröhre verströmt reines Weißlicht. Ich
brauche es für meine Arbeit."
Sie legte ihren Mantel über eine Stuhllehne und
fragte, ob sie ihm etwas bringen könne. Er bat um Wasser. Ingrid
verschwand in der Küche und kehrte mit einer Flasche und einem
Glas zurück. Der Mann nahm dankend die Flasche und setzte sich in
einen angebotenen Sessel. Ingrid betrachtete ihn.
"Wie lange waren Sie wach?"
"Sechs Tage, vielleicht sieben. Man verliert den
Zeitsinn, wenn man pausenlos dem Licht ausgesetzt ist."
"Sie müssen schlafen!"
"Ich brauche nicht viel Schlaf. Ich nehme an, Sie
wollen gleich anfangen."
"Wir reden morgen. Ruhen Sie sich aus!"
Sie griff nach dem Pyjama auf dem Bett und schloss
sich im Bad ein. Eine Gürtelschnalle klirrte leise hinter der
Glastür des Badezimmers, durch die ein senkrechter, mit Paketband
abgeklebter Sprung lief. Er sah auf seinen Anzug. Zufrieden
registrierte er, wie die Mimikry des Stoffs einsetzte und das Muster
des Sesselbezugs kopierte.
(...)
© 2002 Robert Kerber

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"Nova" 3
enthält Kurzgeschichten von: Frank W. Haubold ("Die weißen
Schmetterlinge"), Robert Kerber, Florian F. Marzin ("Palimpsest"),
Holger Eckhardt ("Gustavsons letzter Satz"), Helmuth W. Mommers
("Geschenk von den Sternen"), Marc-Ivo Schubert ("Loro liebt Lara"),
Jürgen vom Scheidt ("Der Geschichtenerfinder"), Arno Behrend
("Prägenesis")
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